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Wer ist Doris Lessing?

Von Dr. Else Ackermann (Partei- und Fraktionsvorsitzende a.D.) im Oktober 2007

Die neue Literatur-Nobelpreisträgerin 2007 heißt Doris Lessing!

Ihr Lebenslauf ist völlig anders als der des normalen Deutschen, zumal wenn er Jahrzehnte das Land nicht verlassen durfte. Ich gehöre auch zu diesen Unglücklichen. Unglücklich, weil Deutschland im Weltmaßstab zu klein und die DDR nur ein Stecknadelkopf war, Das verengt den Blick und macht kleinbürgerlich. Ich leide darunter, andere nicht. Wer aber die Welt gesehen hat, möchte diesen Weitblick in der Regel nicht verlieren und ist anders als die Eingesperrten. Die neue Literatur-Nobelpreisträgerin hat diesen Weitblick. Sie ist weit herumgekommen und hat als junge Frau mehrere Jobs gehabt.

Kurz ihr Lebenslauf:
Kurz nach dem 1. Weltkrieg im Jahr 1919 wurde sie in Persien als Tochter eines britischen Kolonialoffiziers geboren, wuchs aber in Rhodesien auf, dem heutigen Simbabwe. Mit acht Jahren kam sie auf eine Klosterschule. Da hatte sie bereits Dickens gelesen, was die Nonnen unpassend für ein junges Mädchen fanden. Ihr weiteres Leben war unruhig. Sie sagt dazu „Ich war Kindermädchen, dann arbeitete ich in der Telefonvermittlung. Als dann der Zweite Weltkrieg ausbrach, habe ich geheiratet. Alle heirateten damals, etwas Fiebriges lag in der Luft, und irgendwie musste man dem etwas entgegensetzen und dafür sorgen, das die Menschlichkeit erhalten blieb“.
Ihr erste Mann war ein britischer Staatsbeamter und hieß Frank Wisdom. Sie verließ ihn nach vier Jahren Ehe. Die beiden Kinder blieben bei ihm. Sie schloss sich dann einer Gruppe kommunistischer Intellektueller an und heiratete 1944 den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, der in der Heimat interniert zu werden drohte. Nach 5 Jahren scheiterte die Ehe und 1949 entschied sich die inzwischen Dreißigjährige, mit ihrem Sohn Peter aus zweiter Ehe von Rhodesien nach London zu gehen. Dieser zweite Mann machte in der DDR Karriere, und ist der Onkel von Gregor Gysi. Der ist natürlich stolz auf seine berühmte Tante.
Doris Lessings Umfeld bestand in England aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen von Künstlern, Schriftstellern und Theaterleuten. Sie trat 1949 in die Kommunistische Partei ein. Sie sagt dazu, das sei nichts Besonderes gewesen. Viele traten in dieses Partei ein, andere wieder aus. Alle diese Menschen besaßen nicht diese moralische Inbrunst, wie sie von den Parteimitgliedern erwartet wurde. Außerdem sickerte bald durch, was in der Sowjetunion passierte. Die Literatur wurde in dieser Zeit moralisch: Es galt, Stellung zu beziehen und die Welt zu verbessern. So verstand sich Doris Lessing als politische Schriftstellerin. Im Jahr 1956 trat sie übrigens aus der kommunistischen Partei aus. Die Dramatik dieses Jahres gebot es geradezu, seinen eigenen politischen Standpunkt in Ost und West zu überdenken: England und Frankreich besetzten den Suezkanal in Ägypten mit ihren eigenen abenteuerlichen Vorstellungen aus der Vergangenheit und verloren damit weltweit an Ansehen. Nahezu zeitgleich brach die ungarische Revolution aus mit Imre Nagy an der Spitze des Landes, der die Grenzen in den Westen öffnete und die Sowjetunion auf den Plan rief, die den Aufstand der Arbeiter von Czepel militärisch niederstampfte und Janos Kadar einsetzte, der bis 1989 durchhielt und mit dem Goulaschkommunismus in Verbindung gebracht wird. Danach begann eine riesige Ausreisewelle aus Ungarn, um dem neuen Terror und der Abrechnung mit den Aufständischen zu entgehen. Nicht zu vergessen die Rede von Chrutschow vor dem sowjetischen Zentralkomitee, in der er mit Stalins Verbrechen abrechnete. Danach wurde die Stalinallee stillschweigend in Frankfurter Allee umbenannt.
Die Lebensleistung der 87-jährigen ist respekteinflößend und der Nobelpreis verdient. Andere mögen meine Meinung nicht teilen. Ihre Geschichte erinnert mich an eine Klassenkameradin meiner Mutter. Sie war die berühmte Oda Schottmüller, die aus einem bürgerlichen Elternhaus stammte und Künstlerin war. Aus ihrer Gegnerschaft zu dem nationalsozialistischen System machte sie keinen Hehl und trat der „Roten Kapelle“ bei. Ihre Mitglieder wurden im Krieg verhaftet und auch Oda Schottmüller unter dem Fallbeil in Plötzensee hingerichtet. Über die "Rote Kapelle" hatte es einen mehrteiligen Film im West-Fernsehen, mit großer Ausstrahlung und berühmten Schauspielern besetzt, gegeben. Künstler sind eben anders, vor allem gefühlreicher und wehren sich auf ihre Art gegen Zwänge und Ungerechtigkeiten. Ihre Ausdrucksweisen sind dem Durchschnittsbürger nicht immer verständlich, weil ihre Gedanken auch der Zeit vorauseilen. So stehen sie häufig in Krisenzeiten allein. Die Kommunistische Partei schien vielen in einer Zeit, die für die meisten bereits Geschichte ist, die sie nicht mehr verstehen, als Zukunftsvision. Bertold Brecht und auch Heinrich Mann gehören dazu. Neue Erfahrungen dieser Künstlergeneration haben diese Vision der kommunistischen Partei zerstört und durch neue Ausdrucksformen ersetzt. Erinnern wir uns, dass die Massendemonstration einer halben Million DDR-Bürger auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 von Künstlern gestaltet wurde. Die Sensibilität für Geschlechterfagen in der Gesellschaft zwischen Mann und Frau ist auch für Doris Lessing ein wichtiges Thema. Sie wird sich über die Vorstellungen unserer Familienministerin, Ursula von der Leyen, freuen. Wir gestehen allerdings in der Bundesrepublik Deutschland einen gewissen Nachholebedarf von mehr als 50 Jahren. Die Wiedervereinigung mit dem sozialistischen Osten hat auch der Frauenfrage und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen neuen Schub gegeben. Danke, Fau Lessing!

Als Linke ist sie auch Teil eines Bürgertums, das in der DDR durch die Enge der verordneten Lebensweise, in der die staatstragende Partei SED ausschließlich das Sagen hatte, weitgehend erdrückt oder sogar erstickt. Von dieser Enge haben wir uns immer noch nicht befreit. Gregor Gysi, aus einer linken Intellektuellenfamilie zu stammend, darf stolz sein, diese Nobelpreisträgerin als Tante zu haben. Einen Rat gebe ich Euch. Geht zur „Buchhandlung Bünger“ oder in die Neuenhagener Bibliothek und lest ein Buch oder mehrere von der neuen Nobelpreisträgerin.

13.10.07
Zuletzt aktualiesiert: 31.03.2009