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Brauchen wir in Deutschland als Deutsche einen Patriotismus?

Von Dr. Else Ackermann (CDU/FDP-Fraktionsvorsitzende) im Dezember 2005

Patriotismus bedeutet "Liebe zum Vaterland". Das klingt altmodisch, und es wird noch altmodischer, wenn wir sagen "Patriotismus ist die Liebe zum Land unserer Väter". Warum eigentlich nicht zum Land unserer Mütter? Dafür gibt es die Muttersprache. Vatersprache ist nicht Bestandteil unseres Sprachschatzes. Ob altmodisch oder nicht, der Vaterlandsbegriff war Jahrzehnte verfemt. Der Grund ist in der deutschen Geschichte besonders des 20.Jahrhunderts zu suchen, als Patriotismus und Nationalismus eine unheilige Allianz eingingen. Die treibende Kraft war die nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, kurz NSDAP, die den Chauvinismus als übertriebenen Nationalismus in den Mittelpunkt ihrer Politik stellte. Das Ergebnis war der von Deutschland gewollte 2. Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen für die Menschen in der Welt. Wir kennen noch den Slogan "am deutschen Wesen sollt ihr genesen", der voraussetzte, dass nur der deutsch war, der seine arische Abstammung beweisen konnte. Wer Jude war in Deutschland, verlor alle bürgerlichen Rechte und war vogelfrei für die Vernichtung, also für den Holocaust, die industriell organisierte Tötung von Menschen. Diese unselige und bedrückende Vorgeschichte ist sicherlich der wesentliche Grund dafür, dass man sich vom Patriotismus im Westen Deutschlands weitgehend distanzierte. Im Osten Deutschlands war der Umgang mit dem Begriff Patriotismus ähnlich. Die DDR hatte aber einen Mangel bereits in ihrer Geburtsstunde. Sie war zu keinem Zeitpunkt vom Volk legitimiert, ein Mangel, der sich in einer unzureichenden Loyalität der Bevölkerung zur Regierung und damit zur regierenden Partei, der SED, dem Machtinstrument der DDR, über Jahrzehnte ihrer Existenz zeigte. Deshalb wurde auch die Grenze zur Bundesrepublik hermetisch abgeriegelt und durch den Schießbefehl zu einer fast unüberwindlichen Hürde für Fluchtwillige. Dafür sollte die DDR für ihre Bewohner das verordnete sozialistische Vaterland sein. Da ist er wieder, dieser verfemte Begriff, den man aus der politischen Mottenkiste holte, um den Menschen eine politische Heimat zu geben. Sogar Friedrich der Große musste auferstehen, nachdem man jahrelang die preußische Geschichte als Kernland des Militarismus gebranntmarkt hatte und Friedrich der Große als der Erfinder Kriege dargestellt wurde! Trotz aller Diffamierungsversuche der preußischen Geschichte war die Aufstellung des Reiterstandbildes Unter den Linden in Ost-Berlin in den 70ger Jahren eine großes Ereignis.
Als sich das Ende der DDR abzeichnete und die Flüchtlingszüge aus der deutschen Botschaft in Prag durch die DDR in den Westen fuhren, riefen die vorwiegend jungen Menschen aus den geöffneten Wagonfenstern bei der Einfahrt in den Bahnhof Helmstedt wie im einstimmigen Chor Deutschland, Deutschland. Eigentlich war das der versteckte Ruf nach dem Vaterland, das diese Ostdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland und eben nicht in ihrem sozialistischen Vaterland sahen. Sie hatten ganz einfach ihr Deutschland gesucht und nach enormen Strapazen zunächst auf diesem Bahnhof gefunden. Ich muss gestehen, dass ich als Zurückgebliebene zutiefst gerührt war.
Wenn jetzt 15 Jahre nach der deutschen Einheit die Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit der Hans-Seidel Stiftung am 15. Dezember 2005 sich in einer Gesprächsrunde in einem überfüllten Haus dem Thema "Patriotismus" widmete, dann muss es ein spürbares Bedürfnis nach nationaler Identität geben, das von den großen Parteien befriedigt werden muss. Die Bürger des Landes sind häufig weiter als ihre gewählten Politiker meinen. Unsere Bundeskanzlerin hat den Begriff Patriotismus bereits mehrmals verwendet, und der Bundespräsident hat bekannt, dass er sein Land liebt, d.h. er bekennt sich zur Vaterlandsliebe.

Zwei renommierte Historiker aus Bielefeld und München, die Herren Wehler und Schwarz, haben sich mit der Bedeutung nationaler Identität zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dieser Tagung am 15. Dezember 2005 in der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Tiergartenstraße in Berlin auseinandergesetzt. Das Publikum folgte dem sehr interessanten und auf hohem Niveau geführten historischen Diskurs mit Aufmerksamkeit und großer Spannung. Ich habe mir Notizen gemacht und versuche, das Ergebnis dieses Streitgesprächs wiederzugeben. Dabei bin ich mir bewusst, dass meine Bemühungen nicht das Niveau der Originalveranstaltung erreichen. Ich versuche es trotzdem.
In der Begrüßung durch die Herren Drs. Michael Borchard und Philip W. Hildmann wurde der Weg zu einem aufgeklärten Patriotismus beschrieben und auf die Aussage unseres Bundespräsidenten Köhler: "Ich liebe mein Land" hingewiesen. Gerade wegen unserer gebrochenen Geschichte soll der aufgeklärte Patriotismus wieder als Lernziel vorgegeben werden. Versuche, patritotische Gefühle zu erwecken, gab es in der Bundesrepublik bereits durch die Luftbrücke und das Wunder von Bern. Patriot ist, wer das eigene Vaterland liebt und das der anderen achtet und Patriotismus ist Voraussetzung des Weltbürgertums.

Prof. Wehler, Historiker, Bielefeld will Patriotismus und nationale Identität scharf trennen. Nationalismus ist immer eine Antwort auf eine Umbruchssituation, wie sie viele europäische Völker erfahren mussten. So hatte England eine puritanische Revolution. Als die Puritaner ihre Vorstellungen nicht durchsetzen konnten und ihnen Verfolgung drohte, emigrierten sie nach Amerika. Sie wanderten mit einer historischen Mission aus und schufen ein Großklima, das auch die amerikanische Revolution beeinflusste. Einige amerikanische Präsidenten waren und sind immer noch Anhänger dieser Mission. Sie erklärt sich aus der Gründerzeit der Vereinigten Staaten von Amerika.
In Deutschland begann die Nationalbewegung im 18. Jahrhundert. Am Anfang stehen immer die Interlektuellen, wie Schleiermacher, Schiller, Arndt u.a., von denen kleine Nationalbewegungen ausgingen, die von Metternich folgerichtig als Gefahr für die bestehende Ordnung angesehen wurden. Es kam zur ersten Repressionsphase, die eine Beruhigung nach den verheerenden napoleonischen Kriegen in Europa und Russland brachten. Die nationalstaatliche Idee erlosch aber weder in Italien noch im deutschen Staatenbund. In ltalien wurde die Kleinstaaterei durch den aufbrechenden Nationalismus überwunden. In Deutschland wurde zwar die Revolution von 1848 unterdrückt, aber der nationalstaatliche Gedanke lebte weiter. Reichskanzler Bismarck setzte den Hegemonialanspruch Preußens durch den Krieg gegen Österreich in der Schlacht bei Königgrätz durch. Es folgten weitere Kriege, die Deutschland vergrößerten und die Kleinstaaterei beendeten. Riesige Truppentransporte in relativ kurzer Zeit waren jetzt durch das neue Eisenbahnschienennetz möglich. Die zweite technische Revolution beflügelte die industrielle Entwicklung in Deutschland ebenso wie die Waffentechnik.
Nach dem 1. Weltkrieg wurde der Nationalismus durch Ressentiments reaktiviert und aufgeladen. Die großen Verluste in Deutschland, der verlorene Krieg im Westen mit dem Versailler Vertrag und der gewonnene Krieg im Osten waren der Nährboden für demagogische Sprüche und Hetzreden. Die NSDAP unter ihrem Führer Hitler entstand und eroberte 1933 die Macht in Deutschland. Das Ergebnis dieser nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, an deren Ende der 2. Weltkrieg, ein Eroberungs-und Vernichtungskrieg mit Liquidation rassisch minderwertiger Menschen europaweit, war 1945 die totale Niederlage und das Ende des deutschen Nationalismus und der Verlust seiner bisherigen integrierenden Kraft.
Ohne die DDR als zweiten deutschen Staat im Ergebnis des 2. Weltkrieges besonders zu erwähnen, bezog sich der Redner ausschließlich auf die Bundesrepublik West. Deshalb auch der Hinweis auf den postnationalen Nationalismus, der in der Bundesrepublik West überwunden ist. Ich füge hinzu, dass im Osten Deutschlands dieser Begriff zu keinem Zeitpunkt von der SED als diskussionswürdig betrachtet wurde. Die Menschen in der ehemaligen DDR hatten also niemals die Gelegenheit, im Zustand ihrer Abschirmung vom Westen Deutschlands darüber nachzudenken, in welchem nationalen Zustand sich ihr Staat befindet. Deshalb empfinden sie auch jetzt keine Lücke, was möglicherweise für die anstehende Patriotismusdebatte dem Osten als Schrittmacher in dieser Diskussion zum Vorteil gereichen könnte. Die Bundeskanzlerin macht es uns vor!
Vielleicht auch wegen dieser Lücke im Geschichtsbild der beiden deutschen Staaten zog sich der Historiker Wehler auf den vertrauten Begriff Patriotismus zurück, den er als die Liebe zur Heimat definierte und damit die emotionale Bindung der Deutschen zu ihrer Heimat betonte.

Prof. Dr. Schwarz, Historiker, München
stellt die Frage: Was leistet ein moderner Patriotismus? Was hält die Welt zusammen? In den U.S.A. gehören Vaterlandsliebe und Religion zusammen. Dagegen gibt es in Europa nur noch einen Schrumpfpatriotismus. Der Patriotismus ist also kein deutsches Problem. Die Ursachen sind vielfältig und nicht nur in der deutschen Geschichte zu suchen. Zumindest in Deutschland gab es einen Wirtschafts,-einen Kultur,- und einen Staatspatriotismus. In der Bundesrpeublik hat der Wirtschaftspatriotismus am besten überlebt. Er leidet aber Not, weil die Nationalökonomie eine Theorie von gestern, also überholt ist. Für den Kulturpatriotismus ist nur noch wichtig, was man mit den Nachbarn gemeinsam hat. Das eigentliche Wurzelwerk deutscher Kultur wird nicht mehr wahrgenommen. Als Beispiele werden die Sprache und die Literatur genannt. Der Staatspatriotismus ist nur noch auf die Verfassung reduziert. Verfassungspatriotismus und Westbindung fielen in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zusammen. Aber auch der Verfassungspatriotismus zeigt Zerfallserscheinungen, weil sich z.B. der Föderalismus, eine tragende Säule des Grundgesetzes, als Reformbremse erweist. Es ist nicht zu übersehen, dass der Staat des Grundgesetzes zunehmend ausgehöhlt wird. Dazu trägt auch die EU bei.

Was ist aufgeklärter Patriotismus?
Prof. Schwarz gibt den Rat, die Wirklichkeit so zu beobachten, wie sie ist und daraus kritische Schlussfogerungen zu ziehen wie:

Der aufgeklärte Patriotismus gibt dem eigenen Staat den Vorrang vor europäischer Demokratie.

Der aufgeklärte Patriotismus sollte in der Schule ansetzen, um junge Menschen im Zeitalter der Globalisierung auf die Zukunft in Deutschland zu orientieren.

Der aufgeklärte Patriotismus sollte nicht die Ökologie überbetonen und sich dafür mehr für die deutsche Literatur, Geschichte und die deutsche Sprache einsetzen.

Der aufgeklärte Patriotismus beruht auf abendländlichen Werten.

Aufgeklärte Patrioten sagen offen, was für das Gemeinwohl wichtig ist und getrauen sich auch, das zu sagen.

In dem folgenden Zwiegespräch zwischen den beiden Historikern unter Moderation von Dr. Weimer wurden folgende Standpunkte vertreten:
Die nationalen Gefühle kehren zurück. Da der Nationalstaat zerstümmert worden ist, entstand ein Vakuum, das durch die Hinwendung zu Europa aufgefüllt wurde. Zur EU zeigt sich aber zunehmende Ablehnung der Bürger, so dass man jetzt den Anfang einer Konsolidierungsphase der EU vermuten kann. Frankreich wurde immer als ein Land mit einem funktionierenden Patriotismus dargestellt, aber es zeigt eine deutliche Erosion, wie sie die Revolten in den französischen Banlieus offenbarten. Die Erosion ist aber ein europäisches Problem. Ein wesentlicher Grund ist sicherlich die Globalisierung, die den eigenen Staat entwertet.

Noch hat das Christentum in Europa eine Prägekraft Dadurch entsteht eine Summe von Gemeinsamkeiten, die zu einer europäischen Identität führt.
In Deutschland wird immer noch darüber gestritten, ob wir ein Einwanderungsland sind oder nicht. Inzwischen hat uns die Realität eingeholt. Es gibt kein großes Einwanderungsland, das auf eine Leitkultur verzichtet. Sie wurde zuerst von Schönbohm artikuliert, dann von Merz gegen heftigen Widerspruch näher ausgeführt, trotz Schmähungen der beiden Politker von der CDU eine zeitlang mitgetragen, aber dann stillschweigend begraben.
In Deutschland hat die unzureichende Integration der Einwanderer inzwischen zu Parallelgesellschaften und zu einer Subkultur geführt. Allein in Berlin sind 60% der Türken zwischen 15 und 35 Jahren arbeitslos, ihr Bildungsstand meist nicht ausreichend. Der Verfassungspatriotismus hat sich als nicht ausreichend erwiesen. Beide Historiker waren sich einig, dass große Dinge, wenn sie zum Erfolg führen sollen, mit Leidenschaft betrieben werden sollen. Wo ist die Leidenschaft z.B. in den Parteien?
In der sich anschließenden Diskussion wurde auf den 17. Juni 1953 und die friedliche Revolution 1989 hingewiesen und die Frage formuliert, ob es einen Einheitspatriotismus gäbe.Von beiden Historikern war auf die DDR, die immerhin 40 Jahre existiert hat, nicht eingegangen worden. Deshalb wurde nach einem Einheitspatiroismus gefragt. Die Antwort von Prof. Wehl lautete:
In der DDR hielt sich ein altertümlicher provinzieller Nationalismus. Daraus zog er den Schluss, dass die neuen Bundesländer (mit ihren Menschen) zurückgeblieben seien.
Nach dem 3. Oktober 1990 ist das zarte Pflänzchen Patriotismus ausgetreten worden! Der Historiker bezeichnete den Begriff Patriotismus als wärmer und unverbindlicher als den Begriff Nationalismus. Wer die Presse aufmerksam liest, findet den Patriotismus häufiger erwähnt als früher. Das lässt hoffen.

Einige Gedanken im Nachtrag:

Es ist Aufgabe der Schulen und höherer Bildungseinrichtungen, das Thema Patriotismus mit Schülern und Studenten zu diskutieren. Nur die jungen Menschen können die Zukunft gestalten. Deshalb müssten sich die politischen Parteien und besonders deren Jugendorganisationen aller Couleur sich dieses Themas annehmen, um den Rechtsradikalen keinen Raum für die Verbreitung ihrer nationalistischen Ideen aus der Mottenkiste des Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts zu geben. Die Konrd-Adenauer- Stiftung hat es uns vorgemacht, und zögerlich ziehen auch die Medien mit.
Zuletzt aktualiesiert: 31.03.2009